Im Media Centre der Wiener Stadthalle, zwischen Kaffeetassen, Kamerateams und hektischen Probenzeiten, arbeitet eine neue Generation von ESC-Journalisten. Sie sind Podcaster, YouTuber, Kulturwissenschaftler – und sie sind sich einig: Der Eurovision Song Contest ist mehr als Unterhaltung. Er ist ein Spiegel Europas.
Die Fans, die Journalisten wurden
Gabe betreibt den YouTube-Kanal „ESC Gabe“ und hat in nur zwei Jahren fast 60.000 Abonnenten aufgebaut. Er begann als Teenager damit, ein Eurovision-Forum zu moderieren – heute ist er akkreditierter Journalist beim Wettbewerb selbst. Seine Überzeugung: Fan-Medien sind Hüter des Song Contests. Das bedeute für ihn, den Wettbewerb mit klarem Blick zu betrachten und schwierigen Themen nicht auszuweichen.
James Stephenson produziert den Podcast und das Onlinemagazin „ESC Insight“ und begleitet den Wettbewerb ebenfalls als akkreditierter Reporter vor Ort. Auch er kam über Online-Communities ins ESC-Universum. Seine Haltung: Der Wettbewerb müsse geschützt werden – aber Schutz bedeute nicht, Probleme zu ignorieren. Kein großes Medienformat sei jemals perfekt, und genau deshalb brauche es kritische Begleitung durch Menschen, die den Contest wirklich lieben.
Von der Fankultur zur Wissenschaft
Dr. Barbara Barreiro Leon lehrt den Eurovision Song Contest an der University of Aberdeen als Teil eines Studiengangs für Film und visuelle Kultur. Über ihre Plattform „The Eurovisionphiles“ analysiert sie den Wettbewerb aus kulturwissenschaftlicher Perspektive. Die Spanierin ist überzeugt, dass populäre Kultur heute das wichtigste Transmissionsmittel gesellschaftlicher Inhalte ist – und der ESC eines der mächtigsten Werkzeuge, um Kulturen, Identitäten und gesellschaftliche Realitäten einem Millionenpublikum näherzubringen.
Sie räumt auch mit einer verbreiteten Fehlwahrnehmung auf: Die Vorstellung, der frühe ESC sei irgendwie seriöser gewesen als der heutige, sei romantisiert. Gleichzeitig werde der moderne Wettbewerb oft als bloße Unterhaltung abgetan – ohne zu verstehen, wie viele Schichten hinter Auftritten, Interval Acts und Postkarten stecken, die tatsächlich über Kultur sprechen.
Der ESC als europäisches Gedächtnis
Alle drei teilen eine Überzeugung: Der Eurovision Song Contest ist eine Art kollektives europäisches Gedächtnis. Er spiegelt politische Verschiebungen, veränderte Identitäten und neue Vorstellungen von Zugehörigkeit wider – und das seit 70 Jahren.
Barbara hat nach eigener Aussage durch den ESC Geopolitik und europäische Geografie verstanden: wechselnde Grenzen, das Ende der Sowjetunion, den Zerfall Jugoslawiens, EU-Beitritte. All das habe sich in dem Wettbewerb gespiegelt. Besonders am Herzen liegt ihr die wachsende Zahl nationaler Sprachen beim ESC – in diesem Jahr so viele wie noch nie. Sprache sei ein zentrales Element kultureller Identität, und Beiträge in Landessprachen erzählten dem Publikum, woher ein Land kommt und wer es ist.
Für James liegt der besondere Reiz des Wettbewerbs gerade in seinen Widersprüchen: Der ESC sei gleichzeitig ernst und nicht ernst, lächerlich und zutiefst emotional. Er folge Regeln, die sonst nirgends gelten.
Emotionale Momente, die hängen bleiben
Gabe erinnert sich an den ESC 2023, den das Vereinigte Königreich stellvertretend für die Ukraine ausrichtete. Als im Eröffnungsfilm ein ukrainisches Mädchen seinen Namen an eine Schultafel schrieb, sei er in Tränen ausgebrochen. James war als Teenager beim ESC 2011 in Düsseldorf dabei – die Atmosphäre, das Voting, die Idee, dass Länder auf einer globalen Bühne Kultur teilen, habe ihn für immer gepackt.
Conchita Wursts Sieg 2014 mit „Rise Like a Phoenix“ nennt Gabe als einen der Momente, die ihm klargemacht haben, warum der ESC für manche Menschen existenziell wichtig ist – besonders für Menschen in Ländern, in denen LGBTQ+-Menschen nicht offen im Fernsehen gefeiert werden.
Ein Archiv, das bewahrt werden muss
Barbara fasst es am prägnantesten zusammen: Der Eurovision Song Contest ist ein visuelles Archiv der Geschichte Europas – und wie jedes architektonische Erbe muss er bewahrt werden. Gabe formuliert es ähnlich: Der Wettbewerb gehöre allen, die ihn verfolgen. Jeder, der Eurovision schaut, sei ein Hüter des Contests.
Trotz aller Kontroversen und Druckmomente der vergangenen Jahre bleiben alle drei optimistisch. Gabe hat Vertrauen in den Wettbewerb, Stürme zu überstehen. James sieht den ESC als eine Geschichte im ständigen Wandel. Und Barbara glaubt, dass seine kulturelle Bedeutung noch wachsen wird – weit über Schlagzeilen und Kontroversen hinaus.

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